Über Kraut und Rüben

Im Oktober waren wir zu Besuch bei Simon Vetter. Dieser führt gemeinsam mit seiner Familie und seinen Angestellten den Vetterhof in Lustenau, der im Westen Österreichs als Vorreiter im Biolandbau gilt. Im Interview spricht Simon über die regionale Form der Bewirtschaftung, über zukünftige Herausforderungen sowie über seine Leidenschaft zum Beruf. Mit seiner offenen und doch bodenständigen Art und Begeisterung für Neues überzeugt er nicht nur sein engstes Umfeld, sondern auch viele Haushalte in Vorarlberg. Auch wir, die Rote Wand, sind begeistert von seiner Philosophie und von seiner Produktqualität, die Gourmetfans beim exklusiven Rote Wand Chef’s Table in Zug erleben dürfen.

 

„Es gibt keine Woche im Jahr, in der wir nicht ernten“

(Simon Vetter, Geschäftsführer & Landwirt vom Vetterhof)

 

photo by Magdalena Walch

 

V: Wie viele Quadratmeter umfasst der Vetterhof?
S: Der Betrieb hat eine Größe von ungefähr 400.000 Quadratmetern, davon sind ¾ Grünland für unsere Rinder und ca. 100.000 Quadratmeter sind Ackerfläche. Da bauen wir unser Gemüse an.

V: Wie viele Mitarbeiter sind hier am Hof angestellt und woher stammen sie?
S: Beschäftigt sind 15 Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Ländern. Wir haben Kaat, eine Architektin aus Belgien, Clemens ist gelernter Goldschmied, Ben ist gelernter Tischler, Victor kommt aus Frankreich und ist gelernter Soziologe. Da achten wir natürlich auch darauf, dass beim Essen für jeden unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen etwas dabei ist. Also von vegan, über koscher bis hin zu halal. Wir sind da ganz offen. Wir kommunizieren während der Arbeit auch die meiste Zeit auf Englisch.

V: Welche Tiere spielen bei euch eine ganz zentrale Rolle?
S: Momentan haben wir eine sechzigköpfige Rinderherde – also Stiere, Rinder und Kälber. Dann haben wir noch 20 Freilandschweine. Ach ja, und dann gibt es da noch unseren Hund und ein paar Katzen. Die Grünlandfläche können wir für den Ackerbau nicht wirklich nützen. Diese Felder, auf denen wir nur Gras anbauen können, eignen sich aber perfekt für unsere Rinder. Wir arbeiten also schon aus diesem Grund vorwiegend mit Rindern. Den Dünger verwenden wir für unser Gemüse und das Fleisch verkaufen wir. Die Rinder spielen also eine ganz zentrale Rolle, da sie den gesamten Kreislauf in unserem Betrieb aufrecht halten.

V: Ihr seid ja auch sehr bekannt für euer frisches Gemüse. Welches Gemüse und zu welcher Jahreszeit baut ihr an?
S: Es gibt keine Woche im Jahr, in der wir nicht neu ernten. Wir legen sehr viel Wert auf verschiedene Kulturen beim Gemüse. Das macht das ganze spannender. Alleine mit dem Sellerie locken wir nämliche niemanden mehr an. Deshalb haben wir in den letzten Jahren ganz viele neue Kulturen eingeführt, mit denen es sich auch hier bei uns in Vorarlberg gut arbeiten lässt, wie Spinat, Grünkohl, Sprossenkohl, Radieschen, Zuckerhut oder Lauch. Wir haben mittlerweile eine breite Angebotspalette auch im Winter. Das hängt auch mit dem Klimawandel zusammen, den wir auch hier in Vorarlberg spüren. Denn vor 10 Jahren wäre dieser vielfältige Anbau für uns nicht denkbar gewesen.

V: Mit wem arbeitet ihr als Gemüselieferant zusammen?
S: Mit der Gemüsekiste beliefern wir ca. 700 Haushalte pro Woche. Das sind hauptsächlich Privathaushalte. Gastronomie macht ein gutes Drittel davon aus. Einer unserer Kunden ist die Rote Wand. Es ist nicht der große Brocken, aber sie sind für uns trotzdem ein wichtiger Sektor, vor allem weil wir von dem Austausch mit den Köchen profitieren können.

V: Was hältst du von Billigketten?
S: Wir vermarkten und liefern alles, was wir produzieren, selber. Wir arbeiten mit keinem Großhandel zusammen, sondern verkaufen die Produkte direkt an unsere Endkonsumenten. Die Gründe dafür sind klar – wir sind immer die Drittbesten, die Zusammenarbeit mit den Billigketten ist nicht lustig. Zudem ist billig immer relativ zu sehen, weil das oft mit einem hohen Preis einhergeht. Denn selbst wenn der Produktpreis billig ist, irgendjemand in der Produktionskette muss immer dafür zahlen.

V: Für einen Vorarlberger Landwirten hast du ja schon einiges erlebt (Lacht). Kannst du uns kurz etwas über deinen Werdegang berichten?
S: Ich bin hier auf dem Hof meiner Eltern aufgewachsen und habe dann ganz klassisch die Landwirtschaftsschule in Hohenems besucht. Nach dem Abschluss bin ich nach Wien und habe auf der BOKU (Universität für Bodenkultur) studiert. Danach zog es mich für längere Zeit nach Westafrika, wo ich einiges über die Landwirtschaft dazugelernt habe. Zum Beispiel über die Süßkartoffel – wir verarbeiten die Blätter zu Spinat. Da sind wir die Einzigen hier im Ländle. Zurück in Vorarlberg arbeitete ich zuerst in Bregenz in einem Büro, wo ich dann aber schnell bemerkt habe, dass ich eigentlich aufs Land gehöre. Nun führe ich seit 3 Jahren den Hof meiner Eltern.

V: Wo liegen eure Stärken?
S: Ich glaube, was uns wirklich auszeichnet ist, dass wir extrem neugierig sind und immer neue Sachen ausprobieren wollen und auch bereit sind Neues auszuprobieren. Ich glaube da unterscheiden wir uns ganz stark von anderen Betrieben, dass wir fast besessen sind vor Neugier und wissen wollen wie das funktioniert und wie man das machen kann.

V: Was sind deiner Meinung nach zukünftige Herausforderungen?
S: Ein Problem wird sein, dass die Leute wegbrechen, die unsere Produkte verarbeiten. Metzger zum Beispiel – kennt ihr einen jungen Metzger? Das lernt heutzutage niemand mehr. Es hat noch nie eine Gesellschaft gegeben, die so viel Fleisch gegessen hat wie unsere. In der gesamten Menschheitsgeschichte nicht. Und es hat noch nie so wenige Menschen gegeben, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Das wird in den nächsten Jahren ein massives Problem werden, weil es eigentlich ein Trash Produkt geworden ist.

V: Also du sprichst dabei vor allem das Handwerk an?
S: Ja genau. Wenn ich mir anschaue was momentan passiert, dann ist das schon ziemlich beängstigend. Uns kommen die guten Bäcker abhanden und die guten Metzger. Ein Grund dafür ist, weil es auch irgendwie niemand mehr lernt. Das ist eigentlich eine richtige Tragik. Denn wir brauchen Leute, die unsere Produkte weiterverarbeiten, wir sind darauf sehr angewiesen.

V: Kannst du uns deinen Arbeitsalltag schildern?
S: Mein Beruf ist extrem vielfältig, das heißt ich habe gleich viel zu tun mit Grafikern wie mit Landmaschinenmechanikern, mit Bodenchemikern, mit Metzgern, mit Köchen und Sozialarbeitern. Wir haben extrem viel verschiedene Bereiche. Von daher kann ich sagen ich bin viel draußen und habe viel zu tun. (Lachen)

V: Dein Sohn ist ja in der Spielgruppe, und wächst hier auf dem Hof auf. Glaubst du er wird einmal in deine Fußstapfen treten?
S: Phuu! Der ist noch weit davon entfernt, der soll jetzt einfach mal spielen und das Leben genießen. Mich hat man auch nie dazu gezwungen, es war meine Entscheidung den Vetterhof zu übernehmen. Bei mir hieß es nie „du musst“. Da bin ich sehr froh, denn ich kenne ganz viele, wo das der Fall ist. Und das funktioniert nicht, das sieht man den Leuten auch an.

V: Kannst du uns dein Lieblingsgericht verraten?
S: Randigrisotto (Rote Rüben Risotto) ist eines der besten Gerichte, die es gibt!

V: Vielen Dank für das nette Gespräch, Simon!

 

photo by Magdalena Walch